Geschlechtergerechtigkeit

Fairtrade fördert die Gleichstellung von Frauen und Männern

Die fehlende Gleichstellung von Mann und Frau ist Studien zufolge weltweit das größte Hindernis für die Weiterentwicklung von Gesellschaften. Fairtrade fördert ausdrücklich die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Fairtrade-Organisationen auf allen Ebenen des Systems, um den Nutzen für alle Mitglieder und die Gemeinschaften als Ganze zu erhöhen.

Nur 15 Prozent aller Frauen weltweit sind Landbesitzerinnen, obwohl mehr als 50 Prozent der Arbeitskräfte im landwirtschaftlichen Bereich weiblich sind. (FAO, 2018)

Die Kluft zwischen den Geschlechtern im Bereich Ernährung und Landwirtschaft ist groß. Als Verbraucherinnen sind Frauen in jeder Region der Welt häufiger von Ernährungsunsicherheit betroffen als Männer. Als kleinbäuerliche Produzentinnen in Ländern des globalen Südens sind Frauen auf dem Land beim Zugang zu wichtigen produktiven Ressourcen und Dienstleistungen, Technologie, Marktinformationen und finanziellen Mitteln noch stärker eingeschränkt als ihre männlichen Kollegen. Sie sind in lokalen Institutionen und politischen Systemen unterrepräsentiert und haben tendenziell weniger Entscheidungsgewalt. Zusätzlich zu diesen Einschränkungen bedeuten die vorherrschenden Geschlechternormen und Diskriminierung oft, dass Frauen einer übermäßigen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind und dass ein Großteil ihrer Arbeit unbezahlt und unerkannt bleibt. (Aus: FAO, 2018, EMPOWERING RURAL WOMEN, POWERING AGRICULTURE)

 

Auch in Fairtrade-Organisationen ist die Gleichstellung von Mann und Frau nicht zufriedenstellend. Nur 25 Prozent der Produzent*innen sind weiblich.

Unser Ansatz

Fairtrade stärkt Frauen innerhalb ihrer Organisationen und fördert ihre gleichberechtigte Teilhabe an Prozessen und Entscheidungen. Der Fairtrade-Ansatz zur Reduzierung des Geschlechterungleichgewichts kann unter dem Begriff „empowerment“ zusammengefasst werden. Frauen erfahren eine individuelle Förderung, um sozial, finanziell und physisch selbstbestimmter handeln zu können.

Hierunter verstehen wir das Recht und die Befähigung von Frauen, bei Entscheidungen ihrer Organisationen aktiv mitzuwirken und von den positiven Auswirkungen von Fairtrade unmittelbar zu profitieren. Aufgrund von häufig geringerer Bildung und nachteiligen gesellschaftlichen Normen haben Frauen oftmals keine Mitspracherechte in ihren Kooperativen oder Plantagen und sind von Führungspositionen ausgeschlossen. Viele Fairtrade-Organisationen nutzen Prämiengelder, um gezielt Frauenförderung zu betreiben. Das sind zum einen Weiterbildungsmaßnahmen für Frauen, aber auch Projekte zur Erleichterung von Hausarbeit wie zum Beispiel der Bau eines Brunnens oder die Ausstattung mit holzsparenden Kochöfen.

Damit ist gemeint, dass Frauen mehr finanzielle Unabhängigkeit erhalten. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Teile der Prämiengelder einer Kooperative oder Plantage dafür genutzt werden, dass Frauen eine eigene Schweinezucht oder einen Verkaufsladen betreiben, deren Erlös ihnen direkt zufließt, dass sie eigenen Kaffee für den lokalen Markt rösten oder viele andere Initiativen zur Schaffung zusätzlicher eigener Einkommen.

Viele Prämienprojekte haben zum Ziel, die Gesundheit und das Wohlergehen von Frauen und Mädchen zu fördern. Beispielsweise werden an 17 Schulen in der Umgebung einer Blumenfarm in Kenia Hygieneartikel an Mädchen ausgegeben, damit sie nicht durch ihre Monatsblutungen von der Schule abgehalten werden, auf einigen Teeplantagen gibt es Programme zur Förderung der Gesundheit von Frauen und Mädchen. Kurse zur HIV-Prävention und zu gesunder Ernährung fördern ebenfalls die körperliche Selbstbestimmung von Frauen.

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Fairtrade unterstützt Frauen dabei, innerhalb ihrer Organisationen eine stärkere Position einnehmen zu können und fördert ihre gleichberechtigte Teilhabe an Prozessen und Entscheidungen. Dies geschieht beispielsweise mittels speziell an Frauen gerichteten Schulungen und Projekten.

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Die Fairtrade-Standards

Sowohl im Fairtrade-Standard für Kleinbauernorganisationen als auch im Standard für lohnabhängig Beschäftigte (einzelne Vorschriften im Aufklapptext) wird die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern besonders berücksichtigt. Um die Standardanforderungen zu erfüllen bilden viele Kooperativen und Plantagen im Fairtrade-System sogenannte „gender-committees“, die sich explizit um Frauenförderung kümmern.

Der Fairtrade-Standard für lohnabhängig Beschäftigte bezieht sich auf vor allem auf die Produktionsverhältnisse auf Bananen, Tee-, und Blumenplantagen. Er baut auf den Kernarbeitsnormen der International Labour Organization ILO und vergleichbarer Dokumente der Vereinten Nationen auf. Darunter fallen Kriterien wie:

  • Gesundheits- und Arbeitsschutz
  • Sicherheit am Arbeitsplatz
  • Organisations- und Vereinigungsfreiheit z.B. in Gewerkschaften
  • gleiche Rechte und Löhne für Saison- und Wanderarbeiter
  • Diskriminierungsverbot
  • Verbot der Kinder- und Zwangsarbeit
  • gleicher Lohn für gleiche Arbeit für Frauen und Männer
  • die Zahlung von gesetzlichen Mindestlöhnen
  • die Verpflichtung, über schrittweise Anhebung mittel- bis langfristig existenzsichernde Löhne zu erreichen
  • Zertifizierte Betriebe müssen sexuelle Nötigung definieren und einen leicht zugänglichen internen Beschwerdemechanismus dafür haben (Standard für lohnabhängig Beschäftigte 3.1.6, 3.1.7)

Der Fairtrade-Standard für Kleinbauernorganisationen regelt die Organisationsstruktur der Kooperativen, den Anbau der Produkte, die Arbeits- sowie die Handelsbedingungen. Dabei bezieht er sich jeweils auf die ökologische, soziale und ökonomische Dimension und umfasst unter anderem die folgenden Kriterien:

    • Die Kleinbauern-Organisationen müssen demokratisch organisiert sein
    • Jedem Mitglied muss es möglich sein, an Entscheidungsprozessen innerhalb der Organisation mitzuwirken
    • Kleinbauern-Organisationen sind seit Juli 2019 verpflichtet, unter Beteiligung der Frauen der Kooperative ein verbindliches Programm zur Frauenförderung zu erarbeiten und umzusetzen.
    • Vorfinanzierung: Bis zu 60% der vertraglich vereinbarten Abnahmemenge muss bei Bedarf durch den Aufkäufer vorfinanziert werden
    • Die Kleinbauernorganisationen bekommen für ihre Ware einen festgelegten Mindestpreis, falls der aktuelle Weltmarktpreis darunter liegt
    • Die Kleinbauernorganisationen bekommen eine Fairtrade-Prämie, über deren Verwendung sie selbst demokratisch entscheiden
    • Verbot von Diskriminierung sowie Zwangs- und Kinderarbeit

    Darüber hinaus: die Fairtrade-Gender-Strategy

    Jedoch hat Fairtrade erkannt, dass mit den Vorgaben der Standards allein das Problem nicht gelöst werden kann. Es geht nicht nur um gesellschaftlich tief verankerte Werte und Normen, sondern auch um Verteilung von Hausarbeit, mangelnde Bildung und ungleiche Besitzverhältnisse, die eine gleichberechtigte Teilhabe behindern. Aus diesem Grund wurde 2016 eine Gender-Strategie verabschiedet, um Geschlechtergerechtigkeit gezielt zu fördern.

    Was vorher im Rahmen der Standardvorschriften schon in etlichen Kooperativen praktiziert wurde, wird nun systematisch betrieben: Produzentennetzwerke, Produzentenorganisationen und Fairtrade-Mitarbeiter vor Ort werden angehalten, konkrete Maßnahmen zur Frauenförderung auf lokaler/regionaler Ebene zu planen und umzusetzen. Lokale Mitarbeiter*innen der Produzentennetzwerke wurden sensibilisiert und geschult, das Thema Gleichstellung in ihren Beratungen für die Produzentengruppen einzubinden. Dabei werden die individuellen Herausforderungen in den einzelnen Regionen und verschiedenen Produktionsbereichen beachtet.

    2020 erschien im Auftrag von Fairtrade eine Studie, die untersuchte, inwieweit die vermehrten Anstrengungen dazu geführt haben, in zertifizierten Kaffee-Kooperativen eine Veränderung bei der Gleichstellung von Frauen und Mädchen herbeizuführen. Die Ergebnisse ermutigen, die gewählte Strategie weiter zu verfolgen und darüber hinaus eine Transformation auf systemischer und kultureller Ebene anzustoßen.

    Anfang 2016 wurde die international abgestimmte Fairtrade-Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter für die Jahre 2016 - 2020 verabschiedet. Dazu gehört, dass in den drei Produzentennetzwerken in Afrika, Asien und Lateinamerika jeweils eine Person für das Thema verantwortlich ist und es bei den Mitgliedsbetrieben auf die Agenda bringt. Ziel ist es auch in Zukunft, durch gezielte Unterstützungsmaßnahmen in den Organisationen deutliche Verbesserungen auf diesem Gebiet zu erreichen und die Teilhabe von Frauen dauerhaft zu erhöhen. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit hat dementsprechend auch Eingang gefunden in die neue internationale Fairtrade Strategie 2021 – 2025 und ist strukturell im Fairtrade-System verankert. Dabei werden die individuellen Herausforderungen in den einzelnen Regionen und verschiedenen Produktionsbereichen beachtet.

    Maßnahmen zur Frauenförderung auf lokaler Ebene sind unter anderen:

    • Frauen erhalten Kredite, um sich selbständig machen zu können und die Produktionsverfahren zu verbessern.
    • Frauen wird Landeigentum oder das Eigentum an Produktionsmitteln übertragen.
    • Frauen erhalten spezielle Führungstrainings.
    • Frauen und Männer nehmen an Gleichberechtigungskursen teil, um ein Bewusstsein für die herrschenden Strukturen zu entwickeln und alternatives Verhalten einzuüben

    All diese Maßnahmen zur Stärkung der Frauen wurden in  der Vergangenheit in vielen Fairtrade-Kooperativen und Plantagen bereits durchgeführt. Durch die Gender-Strategie werden sie nun systematisch für alle zugänglich gemacht. Zudem bekommt das Thema der Geschlechterungleichheit auf diese Weise eine größere Bedeutung bei allen Beteiligten.

    Ein Beispiel für Maßnahmen zur Frauenförderung im Rahmen der Gender-Strategie ist die Fairtrade Women‘s School of Leadership:

    Die drei Produzentennetzwerke veranstalten sogenannte Leadership-Trainings für Frauen und junge Nachwuchsbäuerinnen und -bauern. Bisher benachteiligte Frauen bekommen Trainings, um ihre Rolle und Position innerhalb der Organisation in den folgenden Bereichen zu stärken:

    • Humankapital (z.B. Führungsfähigkeiten, Fachwissen, betriebswirtschaftliches Wissen)
    • Soziales (z.B. Netzwerke stärken, Partnerschafts- und Mentoringprogramme)
    • Finanzen z.B. Zugang zu Krediten, Diversifizierung der finanziellen Ressourcen, Ersparnisse)
    • Zugang zu Ressourcen z.B. individuelles und gemeinsames Eigentum, Zugang zu Land, Wasser, Energie, Wald)

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