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Neue Fairtrade-Strategie für den Tee-Anbau in Assam

Ein Großteil des in Indien angebauten Tees stammt aus der Region Assam. Die Region im Nordosten des Landes gilt als schwieriges Umfeld mit einem hohen Bedarf an Entwicklung und Unterstützung der Teepflücker*innen.

Um den großen Herausforderungen des Teesektors in Assam gestärkt begegnen zu können, startet Fairtrade aktuell die vollständige Überarbeitung des Fairtrade-Standards für Tee.

Es gibt viele Faktoren, die zu der schwierigen Situation in Assam führen. Dazu zählen veraltete rechtlichen Rahmenbedingungen, historische Gegebenheiten, die aus der Kolonialzeit überdauern, sowie politische Unruhen wie beispielsweise die anhaltende Forderung nach mehr Autonomie durch verschiedene ethnische Gruppen. Besonders dramatisch sind die Zustände auf ehemaligen Tee-Plantagen, die aufgegeben wurden und die dort arbeitenden Menschen ohne Einkommen dort zurückgelassen hat. Einige dieser Plantagen sind  in den letzten Jahren  durch neue Besitzer wiederbelebt worden. Die Situation auf diesen Plantagen ist oftmals prekär, so dass   das Fairtrade-Engagement kritisch hinterfragt werden muss.  Mit einer neuen Strategie möchte Fairtrade die Armutsbekämpfung vor Ort vorantreiben.

Fairtrade begegnet den Herausforderungen vor Ort

Als entwicklungspolitischer Ansatz hat Fairtrade sich vorgenommen, gerade in schwierigen Rahmenbedingungen zu versuchen, die Umstände für Arbeiterinnen und Arbeiter zu verbessern und zu einer Veränderung der Situation beizutragen. Aus diesem Grund hatte sich Fairtrade für den Start der Zertifizierung von Tee aus Nordostindien Anfang des Jahrtausends entschieden. Bei der Zertifizierung wurde dabei zunächst besonderes Augenmerk auf die Bekämpfung der schlimmsten Missstände gelegt, die in den Fairtrade-Standards als Kernkriterien festgehalten sind.

Fokus der Fairtrade-Arbeit vor Ort war somit festzustellen, ob eine merklich positive Entwicklung für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Teeplantagen und in den Teegärten stattfindet. Dies haben sowohl die Zertifizierungsgesellschaft Flocert als auch die lokalen Berater von Fairtrade immer wieder bestätigt – eine Entwicklung in die richtige Richtung ist sichtbar. Die Wirkung von Fairtrade in Assam wird allerdings durch die niedrigen Absätze von Tee zu Fairtrade-Bedingungen stark eingeschränkt:  Es gibt mehr als 800 Teebetriebe in Assam, von denen aktuell nur zehn Fairtrade-zertifiziert sind. In einigen dieser Betriebe werden nur 2 bis 5 Prozent des angebauten Tees zu Fairtrade-Bedingungen verkauft. In Indien allgemein verkaufen die zertifizierten Tee-Produzenten durchschnittlich nur rund 12 Prozent ihrer Ernten zu Fairtrade-Bedingungen. Zudem geht nur ein Anteil von rund 20 Prozent der Tee-Ernte in den Export, der Rest verbleibt im Land – dies verringert die Einflussmöglichkeiten externer Akteure.

Der Fairtrade-Standard für Tee wird überarbeitet

Um den großen Herausforderungen des Teesektors in Assam gestärkt begegnen zu können, startet Fairtrade aktuell die vollständige Überarbeitung des Fairtrade-Standards für Tee. Die Standards umfassen soziale, ökonomische und ökologische Mindestanforderungen, die die Produzenten erfüllen müssen, um zertifiziert zu werden, sowie Fortschrittsanforderungen, die die kontinuierliche Weiterentwicklung der Produzentenorganisationen oder der Situation der Beschäftigten fördern.

Programmarbeit zur Verbesserung der Situation vor Ort

Das Netzwerk der Fairtrade-zertifizierten Produzenten in Asien und Pazifik (NAPP) erarbeitet seit 2017 gemeinsam mit Teeunternehmen Pilotprojekte, um die Situation der Teepflückerinnen und -pflücker in konkreten Bereichen zu verbessern. Dazu gehören zum Beispiel die Verbesserung der Ernährungsgrundlage mit gesunden Produkten und Eigenanbau, oder Verbesserungen im Bereich Gesundheitsversorgung, Arbeitssicherheit, Frauenrechte. Durch verstärkte Beratung vor Ort werden weitere Themen rund um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Angestellten angegangen. Diese Aktivitäten werden unter anderem durch Fairtrade UK, Fairtrade Deutschland und weitere Partner gefördert. Mittelfristig wird eine Ausweitung der Projekte sowohl bezüglich ihrer Inhalte als auch ihrer Reichweite angestrebt.

Nur gemeinsam mit den Akteuren der Lieferkette kann Veränderung gelingen

Die Fairtrade-Zertifizierung ist darauf ausgerichtet, einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess anzustoßen. Um dabei die wichtigen Mechanismen des Fairen Handels wirken zu lassen – Mindestpreise, Fairtrade-Prämien für Gemeinschaftsprojekte, stabilere Handelsbeziehungen – müssen relevante Verkäufe zu Fairhandelsbedingungen erfolgen.  Dies ist aktuell bei Tee aus Assam und generell für Fairtrade-Tee nicht der Fall. Fairtrade appelliert daher auch an alle Marktteilnehmer in Deutschland, Handel und Unternehmen, Konsumentinnen und Konsumenten, ebenso wie an politische Akteure, sich stärker für Fairtrade-Tee einzusetzen.

Es gibt keine einfache Lösung für die Probleme in Assam. Aber gerade um solche Probleme anzugehen und den Handel zur Überwindung von Armut, Ungleichheit und wirtschaftlicher Not zu nutzen, wurde Fairtrade gegründet. Gemeinsam mit anderen Akteuren arbeiten wir daran, unsere Wirkung im Teesektor in Assam und anderen Regionen der Welt zu stärken.