Faire Öffentliche Beschaffung in Fairtrade-Towns

Schulungsreihe von Femnet e.V. und TransFair e.V. zur öffentlichen Beschaffung von Berufsbekleidung aus fair gehandelten Textilien

Vernetzung, das Lernen aus gemeinsamen Erfahrungen und FAQs stehen im Zentrum der Workshops.

Von Anne Neuman, Projektreferentin bei Femnet e. V.

Von nordfriesischem Nieselregen an die sonnige Saar, von Weinhängen am Main bis zur mecklenburgischen Ostsee: 2018 haben wir in fünf Fairtrade-Towns in ganz Deutschland Strategieworkshops zur fairen öffentlichen Beschaffung von Berufskleidung durchgeführt. So unterschiedlich die Orte auch sind – gemeinsam ist allen das Ziel, in der Stadtverwaltung Berufskleidung und Textilien zu nutzen, die unter würdigen Arbeitsbedingungen und ohne Umweltschäden hergestellt wurden.

Fairtrade-Towns bieten großes Potenzial, die faire öffentliche Beschaffung von Bekleidung und Textilien voranzubringen. Der Faire Handel ist zunehmend präsent, durch die Etablierung von Steuerungsgruppen werden Einwohner, Einzelhandel, Stadtpolitik und -verwaltung miteinander vernetzt. Deshalb bot FEMNET 2018 erstmals Strategieworkshops für Fairtrade-Towns-Steuerungsgruppen zum Thema öffentliche Beschaffung an.

Gemeinsam dieselben Hürden nehmen

Fairtrade-Towns in Deutschland sind vielfältig und Stadtverwaltungen unterschiedlich – die Herausforderungen bei der Umstellung auf eine faire öffentliche Beschaffung jedoch ähnlich. Ob Schulausrüstung im beschaulichen Güntersleben oder Feuerwehruniformen in Hannover, die Ziele unserer Workshops waren oft dieselben: Den aktuellen Stand der Beschaffung von Berufskleidung und Textilien unter die Lupe nehmen, über Möglichkeiten und Spielräume informieren und vor diesem Hintergrund Schritte hin zu einer nachhaltigeren Beschaffung ins Visier nehmen. Die Workshops fanden in Kooperation mit Transfair e.V. und der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) statt. Transfair ist Träger der Kampagne Fairtrade-Towns, kennt die Herausforderungen in den Kommunen und Steuerungsgruppen und kann bei der Umstellung auf die faire öffentliche Textilbeschaffung beratend zur Seite stehen. Die SKEW bietet zahlreiche Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten für Kommunen, die sich auf den Weg machen.

Die Auswahl der Workshop-Towns: Lage und Signalwirkung entscheiden

2018 konnten wir in den Fairtrade-Towns Aurich (Niedersachsen), Güntersleben (Bayern), Hannover (Niedersachsen), Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) und Saarbrücken (Saarland) Workshops durchführen. Entschieden wurde aufgrund der Bewerbungen aus den Fairtrade-Towns-Steuerungsgruppen: Wir wollen das Thema in möglichst vielen Regionen stärken – also ging es um eine geographisch breite Streuung und die Ausstrahlungsmöglichkeiten der ausgewählten Kommunen in Nachbargemeinden. Außerdem wollten wir möglichst unterschiedliche Gemeinden unterstützen, damit gute Beispiele leicht nachgemacht werden können. Besonders kleine Gemeinden, in denen die globale Menschenrechtsbewegung häufig noch viel stärker ehrenamtlich getragen wird als in großen Gemeinden, sollten von der Unterstützung profitieren. Zwar haben große Städte mit ihren hohen Einkaufsvolumina eine stärkere Wirkung auf den Berufsbekleidungsmarkt – der Großteil der Kommunen in Deutschland sind jedoch kleine und mittelgroße Gemeinden.

Die Fragen sind bekannt – Ihre Antworten auch

In kleineren Gemeinden stehen bei der Umsetzung oft praktische Fragen im Zentrum: Wie stehen wir aktuell mit unseren Bekleidungsprodukten im Hinblick auf Umwelt und Menschenrechte überhaupt da? Welche Nachweise für die Maßnahmen der Hersteller sind glaubwürdig und was genau weisen sie nach? Wie können wir mit unseren Händlern vor Ort gemeinsam diese Nachweise einholen? In größeren Gemeinden haben hauptamtliche Angestellte – zum Beispiel Koordinator_innen kommunaler Entwicklungspolitik oder Fairtrade-Koordinator_innen oder Mitarbeiter_innen der lokalen Agendabüros – solche Bestandsaufnahmen häufig bereits durchgeführt, es stellen sich aber viele vergaberechtliche Fragen für große Ausschreibungen: Dürfen wir den Preis mit weniger als 50% für die Auswahl der Produkte gewichten? Dürfen wir Nachhaltigkeitskriterien überhaupt zwingend für unsere Produkte fordern oder bei der Auswahl zumindest belohnen? Unabhängig von der Größe der Gemeinde und der Verwaltung stellen sich Qualitäts- und Finanzierungsfragen: Sind die Produkte nachhaltigerer Hersteller qualitativ genauso gut? Werden faire und ökologische Produkte deutlich teurer? Wie können wir die Umstellung mit dem Verwaltungspersonal bewerkstelligen? Wie können wir eine effiziente Umstellung sicherstellen? Die Antworten auf diese Fragen finden Sie zusammengestellt in unserer Broschüre.

Die Zukunft ist fair – wenn wir gemeinsam daran arbeiten

Die fünf Fairtrade-Towns aus dem „Workshopjahrgang 2018“ haben sich konkrete Ziele gesteckt: Aus Aurich nehmen Vertreter_innen der Steuerungsgruppe an Treffen des Netzwerks Faire Beschaffung der SKEW teil. Für das Schwimmbad und den Bauhof werden Möglichkeiten zur fairen Beschaffung untersucht, in Rostock wollen die Straßenbahn-AG und Wohnungsgesellschaft in einem Pilotprojekt gemeinsam Arbeitshandschuhe nach fairen Kriterien ausschreiben. In Güntersleben und den Nachbargemeinden werden besonders für den Bauhof die Erfahrungen aus Würzburg genutzt, in Hannover wird in Zukunft die Beratung aus der zentralen Beschaffung auch für andere Stellen noch stärker in Anspruch genommen. In Saarbrücken will unter anderem Klinikum seine Beschaffung auf den Prüfstand stellen und Nachbarorte wie Saarlouis tragen die Erfahrungen ins Umland. Viele Teilnehmende nahmen Informationen, Motivation und Handlungsimpulse aus den Workshops mit – jetzt heißt es dranbleiben und umsetzen!