20. Oktober 2020

Wer zahlt, um Kinderarbeit im Kakaoanbau Westafrikas zu beenden?

Darío Soto Abril, CEO von Fairtrade International, erklärt, warum der faire Handel zur Norm werden muss und nicht die Ausnahme, um gegen Kinderarbeit in der westafrikanischen Kakaoproduktion vorzugehen.

Ein Beitrag von Darío Soto Abril, CEO Fairtrade International

Ghana und Côte d'Ivoire produzieren zusammen jedes Jahr etwa 60 Prozent des weltweiten Kakaos. Dabei verlassen sie sich allerdings auf Kinderarbeit. Dies ist die harte Realität der Kakaoindustrie - und eine deutliche Erinnerung an die Realität, der Fairtrade in seiner Arbeit, Handel fairer zu gestalten, gegenübersteht.   

Als Teil des Harkin-Engel-Protokolls und im Auftrag des US-Arbeitsministeriums veröffentlichte das National Opinion Research Center (NORC) am 19. Oktober Ergebnisse einer Studie. Dem Bericht zufolge wird geschätzt, dass in Ghana und der Côte d'Ivoire mehr als 1,48 Millionen Kinder in gefährlicher Kinderarbeit tätig sind. Fairtrade geht davon aus, dass diese Zahl wahrscheinlich noch höher liegt, je nach Auslegung von Mindestalter, gefährlicher Arbeit und ausbeuterischer Kinderarbeit.

Ungeachtet der unterschiedlichen Berechnungen sind diese Zahlen schockierend, insbesondere weil die Verpflichtung des Harkin-Engel Protokolls zur Verringerung der Kinderarbeit 19 Jahre alt ist.  Leider sind diese Zahlen für den fairen Handel nicht überraschend. Seit 2009 arbeiten wir mit Nachdruck daran, dieses Problem anzugehen - und das nicht nur in der Kakaoindustrie.

Mitarbeitende der vom US-Arbeitsministerium finanzierten NORC-Studie kamen mit der Nachfrage auf Fairtrade International zu, Erkenntnisse über das Problem der Kinderarbeit in dieser Region zur Verfügung zu stellen. Fairtrade hat sich gern an der Studie beteiligt und das Produzentennetzwerk Fairtrade Africa hat an Interviews teilgenommen.  Aufgrund unserer Erfahrungen mit Fairtrade-zertifizierten Kakaoproduzenten haben wir im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Programme initiiert, viel über die Grundursachen gelernt, wichtige Erkenntnisse aus Rückschlägen gewonnen und unseren Ansatz immer wieder angepasst, um integrative und nachhaltige Lösungen zu finden. 

Kinderarbeit hat viele Ursachen

Was wir zweifellos wissen, ist, dass es nicht nur eine Ursache für den Einsatz von Kinderarbeit im Kakaosektor gibt, sondern viele komplexe und voneinander abhängige. Armut, niedrige Löhne, Arbeitskräftemangel, schlechte Arbeitsbedingungen, schwaches Engagement der Regierung, Mangel an wirkungsvollen Bildungsmöglichkeiten, unsichere Schulen, Ausbeutung und Diskriminierung, politische Unruhen und Konflikte - und jetzt auch die Auswirkungen von COVID-19 - tragen alle zum Einsatz von Kinderarbeit in der westafrikanischen Kakaoproduktion bei.

Armut und Diskriminierung sind nach wie vor massive Kräfte, die Kinder in die Arbeitswelt und in unsichere Umfelder drängen. Wenn Bäuerinnen und Bauern in Armut gefangen sind, können sie es sich nicht leisten, in effizientere Methoden zur Verbesserung ihres Einkommens zu investieren und greifen stattdessen auf die billigsten Formen der Kinderarbeit zurück. Dazu kommt, dass wenn Kinderrechte nicht respektiert werden, auch ihre Abhängigkeit von Arbeit zunehmen kann.  

Lösung kann nur durch eine Kombination von Ansätzen erreicht werden

Die NORC-Studie kommt zu dem Schluss, dass eine Kombination von Initiativen oder Interventionen erforderlich ist, um Kinder von gefährlicher Arbeit weg und in Schulen oder Jugendprogramme zu bringen. Dem stimmen wir zu. Deshalb ist beispielsweise die Fairtrade-Prämie wichtig, die zusätzlich zum Mindestpreis für Kakaoverkäufe unter fair Handels-Bedingungen gezahlt wird, damit Kleinbauernorganisationen sich dafür entscheiden können, die Unterstützung umzusetzen, die ihre Gemeinden benötigen: beispielsweise Schulen zu bauen, um Kindern einen leichteren und sichereren Weg zu einer qualitativen Ausbildung zu öffnen.

Im Jahr 2019 hat Fairtrade sowohl den Mindestpreis als auch die Prämie für Kakao um 20 Prozent angehoben, um die Kakaoproduzenten näher an ein existenzsicherndes Einkommen heranzuführen.  Das von Fairtrade entwickelte Youth Inclusive Community Based Monitoring and Remediation (YICBMR) System, ein Programm, das Jugendliche und die Gemeinden in die Überwachung und Beseitigung von Kinderarbeit und/oder Zwangsarbeit einbezieht, wurde in einer Reihe von Ländern und bei verschiedenen Produktsparten weltweit erprobt. In den westafrikanischen Pilotprojekten identifizierten Kakaoproduzentengruppen so Fälle von ausbeuterischer Kinderarbeit, die Fairtrade den nationalen Schutzabteilungen der Regierungen von Ghana und Côte d'Ivoire im Einklang mit der Schutzpolitik (Protection Policy) zur Weiterverfolgung meldete.

Freiwilligkeit alleine reicht nicht – wer zahlt für die Lösung?

Es wird immer deutlicher, dass freiwillige Lösungen nicht ausreichen. Die Lösung muss zu einer kollektiven Anstrengung aller beteiligten Akteure werden. 

Ein wesentlicher Hinderungsgrund für die Umsetzung und Ausweitung der vom NORC geforderten Interventionen sind die Kosten. Die Produzentenorganisationen und ihre Gemeinden leben bereits in Armut. Es ist einfach nicht realistisch - oder fair - von den Produzentinnen und Produzenten zu erwarten, dass sie die Kosten für die Einführung von Systemen zur Überwachung und Beseitigung von Kinderarbeit tragen müssen, wenn sie nicht genug verdienen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Wer wird also bezahlen, um die Kinderarbeit zu beenden? Geteilte Rechenschaftspflicht ist der einzige Weg zur Beendigung der Kinderarbeit in der Kakaoproduktion.

Freiwillige Zertifizierungen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die Erwartungen anzuheben, Rahmenbedingungen für die Rechenschaftspflicht von Handelspartnern und Produzenten zu entwerfen und umzusetzen, die die gesetzlichen Anforderungen ergänzen, und dringend benötigte Unterstützung vor Ort zu leisten.

Allerdings muss die gesamte Lieferkette handeln – von denjenigen, die die Regeln machen, wie Unternehmen zu arbeiten haben, bis hin zu denjenigen, die gern Schokolade essen:

  • Die Regierungen im Norden müssen die westafrikanischen Regierungen in ihren Bemühungen unterstützen und finanziell dazu beitragen, rechts-basierte Überwachungs- und Abhilfesysteme gegen Kinderarbeit und damit zusammenhängende Projekte zu koordinieren, umzusetzen und zu verbessern. Die westafrikanischen Regierungen sollten weiterhin die Mindestlöhne für Kakaoarbeiter überprüfen und überarbeiten.
  • Regierungen der Verbraucherländer, die mit den Regierungen der Erzeugerländer, den Kleinbauernorganisationen und deren Mitgliedern, der Industrie und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, müssen für alle Unternehmen, die Produkte mit Kakao auf diesen Märkten der Verbraucherländer verkaufen, Vorschriften zur Sorgfaltspflicht in Bezug auf Menschen- und Umweltrechte erarbeiten, die für alle Akteure gleiche Ausgangsbedingungen schaffen und eine gemeinsame Rechenschaftspflicht erleichtern. 
  • Produzentenorganisationen müssen die Überwachung und Beseitigung von Kinderarbeit durch die Gemeinden einführen (community-involved), um die langfristige Sicherheit von Kindern, die aus Kinderarbeit befreit werden, zu erhöhen.
  • Unternehmen müssen konstruktiv darauf hinarbeiten, Beschäftigte, Bäuerinnen und Bauern fair zu bezahlen, und sich verpflichten, Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten zu identifizieren und zu beenden.
  • Zivilgesellschaftliche Organisationen müssen weiterhin das Bewusstsein schärfen und sich dafür einsetzen, wirksame alternative Projekte mit und für Jugendliche zu starten, die Zugang zu Einkommen ermöglichen, um die Auswirkungen auf Jugendliche, die aus Kinderarbeit befreit wurden, zu mildern. 
  • Die Verbraucher müssen von Schokoladenherstellern, Einzelhändlern und ihren Regierungen Rechenschaftspflicht sowie die Einhaltung der Sorgfaltspflicht in Bezug auf Menschen- und Umweltrechte fordern. Sie müssen Produkte kaufen, die ihren Werten entsprechen: ein stabiles Einkommen für Kakaobäuerinnen und -bauern, das ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Zukunft zu planen und zu entscheiden, wie sie am besten in ihre Gemeinden und Betriebe investieren.

Es darf keine weiteren 20 Jahre dauern, bis der faire Handel von der Ausnahme zur Norm wird.

Für weitere Informationen, Interviews und Bilder wenden Sie sich bitte an press@fairtrade.net