Stellungnahme zur Arte-Doku

Am 15.07. wurde eine Wiederholung der kritischen Dokumentation mit dem Titel "Der faire Handel auf dem Prüfstand" von Donatien Lemaître ausgestrahlt

Am 15. Juli 2014 um 20:15 Uhr wurde auf dem Fernsehsender Arte eine Wiederholung der Reportage mit dem Titel Der faire Handel auf dem Prüfstand ausgestrahlt. Zu den teilweise schweren Vorwürfen gegen den Fairen Handel hatte TransFair direkt nach der Erstausstrahlung (siehe auch unsere ausführlichen ). Knapp ein Jahr später nutzt TransFair den Anlass um zu zeigen, was sich seitdem getan hat.

Fairtrade ist ein Entwicklungsmodell, das über den Handel unter Fairtrade-Bedingungen soziale, politische und wirtschaftliche Veränderungen im globalen Süden in Gang setzt. Fairtrade ist dort tätig, wo es ‚weh tut‘ und wo vielseitige Probleme vorherrschen. Empowerment, Zahlung von existenzsichernden Löhnen, Mitbestimmung und soziale Entwicklungen sind langwierige Prozesse, denen wir uns stellen.


Januar 2014: Veröffentlichung des neuen Fairtrade-Standard für lohnabhängig Beschäftige


Basierend auf den Prinzipien der bestehenden Fairtrade-Strategie für Arbeiterrechte mit einer verstärkten Ausrichtung auf die Alltagsrealität der Fairtrade-Arbeiterinnen und Arbeiter, wurde im Januar diesen Jahres von Fairtrade International ein neuer Standard für lohnabhängig Beschäftigte  veröffentlicht, der – wie alle Fairtrade-Standards – nach den von ISEAL (International Social and Environmental Accreditation and Labelling Alliance) vorgegebenen Richtlinien ("best practice") entwickelt wurde. Besonders in den Bereichen Versammlungsfreiheit, existenzsicherende Löhne und Mitspracherecht der Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Verwendung der Fairtrade-Prämie wurden signifikante Fortschritte erzielt.


Existenzsichernde Löhne: Ermitteln, annähern und durchsetzen

Die Annäherung an existenzsichernde Löhne war bereits in dem vorherigen Standard für lohnabhängig Beschäftigte eine Anforderung an Fairtrade-zertifizierte Betriebe. Da jedoch kein zeitlicher Rahmen für die Umsetzung dieser Anforderung vorgegeben war und es in den meisten Ländern keinerlei Orientierungswerte für existenzsichernde Löhne gab, auf die man hätte zurückgreifen können, war es kaum möglich, diese Anforderung durchzusetzen.

Fairtrade International führt zurzeit ein Projekt zur Ermittlung existenzsichernder Löhne durch. In einem ersten Schritt wurde eine Methodik entwickelt, welche die Berechnungsgrundlage eines existenzsichernden Lohnniveaus für Beschäftigte festlegt. Dazu wurden Pilotdaten von verschiedenen ländlichen Arbeiterfamilien in Malawi, Südafrika und der Dominikanischen Republik gesammelt und ausgewertet. Die Untersuchungsteams besuchten Produzenten zu Hause sowie Märkte, auf denen Arbeiter Lebensmittel einkaufen, führten Gespräche mit lohnabhängig Beschäftigten, aber auch kleinen Farmbesitzern sowie Kooperativen-Vorständen, Plantagenbetreibern und -besitzern, Gemeindevorständen, Gewerkschaftsmitgliedern, Universitätsprofessoren, Architekten und anderen Experten. Auch Veröffentlichungen, Berichte und Statistiken von Forschern, Behörden und internationalen Organisationen wurden herangezogen. Die Ergebnisse aus allen drei Ländern machen deutlich, dass der jeweilige nationale Mindestlohn unter den tatsächlichen Lebenshaltungskosten liegt. „Die Ergebnisse zeigen uns, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Nun haben wir klare Zahlen darüber, was ein existenzsichernder Lohn ist und wissen, welche Kluft es zu überwinden gilt“, so Wilbert Flinterman, Senior Advisor für Arbeitnehmerrechte und Gewerkschaftsbeziehungen bei Fairtrade International.

Diese neu ermittelten Richtwerte werden dazu führen, dass die Anforderung, sich an existenzsichernde Löhne anzunähern, für Arbeitgeber konkreter und für Fairtrade besser durchsetzbar wird. Der überarbeitete Fairtrade-Standard für Plantagen fordert ab sofort von den Arbeitgebern, Löhne mit Arbeitnehmervertretern zu verhandeln und die Reallöhne jährlich zu erhöhen, um ein existenzsicherndes Niveau zu erreichen.



Projekt zur Verbesserung der Situation von Angestellten bei Fairtrade-Kleinbauern


Neben der seit Januar 2014 neu eingeführte Verpflichtung Fairtrade-zertifizierter Plantagen zur schrittweisen Einführung existenzsichernder Löhne möchte Fairtrade ebenfalls den Status von Arbeitern, die dauerhaft auf kleinbäuerlichen Kooperativen angestellt sind, verbessern. Auch hier ist die schrittweise Einführung existenzsichernder Löhne das Ziel; das wird dort allerdings viel schwieriger und langwieriger zu erreichen sein als auf Plantagen. Denn Kleinbauern sind auf dem unregulierten globalen Markt besonders durch Marktfluktuationen und fallende Preise gefährdet.

Kleinbauern in Entwicklungsländern stellen 80 Prozent der Männer und Frauen im Fairtrade-System dar. Fairtrade bietet ihnen ein faireres Handelssystem, ein System, mit dem sie die Armut bekämpfen und ihre Existenz verbessern können. Durch die Bildung von Kollektiven oder Kooperationen können Fairtrade-Bauern Kleinunternehmer werden, die die Gewinne aus ihren Produkten beziehen, die ihnen zustehen. Nun geht es im nächsten Schritt darum, die Bedingungen von Angestellten in Kleinbauernorganisationen, von Saisonarbeitern und Gelegenheitsarbeitern sowie dauerhaft Beschäftigten ebenfalls zu verbessern, sie an den Fairtrade Vorteilen partizipieren zu lassen und schrittweise existenzsichernde Löhnen einzuführen.

Fairtrade International startete dieses Jahr ein großangelegtes Projekt, bei dem in enger Zusammenarbeit mit den Fairtrade-Produzentennetzwerken und mit Beratung des Fairtrade’s Workers Rights Advisory Committee aktuell untersucht wird, wie Fairtrade die Situation von Arbeitnehmern bei Kleinbauernorganisationen verbessern kann. In einem ersten Schritt finden umfassende Untersuchungen statt um zunächst einen fundierten Eindruck der Situation von Angestellten zu erhalten. Dabei werden Best-Practice Beispiele von guten Beschäftigungsverhältnissen identifiziert und umgekehrt defizitäre Praktiken offengelegt. Die Informationen werden Fairtrade helfen, gemeinsam – mit Bauern und Arbeitern – eine Strategie zu entwickeln, wie Fairtrade ein noch stärkerer Berater in der Organisationsentwicklung werden kann.


Zur Situation der zugewanderten haitianischen Arbeitskräfte in der Dominkanischen Republik

Die Situation von rund 700.000 haitianischen Wanderarbeitern in der Dominikanischen Republik ist politisch immer noch nicht gelöst.
Allerdings verbessert der neue Standard für abhängig Beschäftige auch langfristig die Situation der zugewanderten haitianischen Arbeitskräfte in der Dominkanischen Republik: Bilden sie die Mehrheit der lohnabhängig Beschäftigten auf einer Plantage, besteht für sie die Möglichkeit, sich bis zu 50 Prozent der Fairtrade-Prämie bar auszahlen zu lassen. Dies ist für zugewanderte Arbeiter, vor allem für die, die ihre Familien zuhause unterstützen, besonders wichtig. Im neuen Standard wird deutlicher herausgestellt, dass Wanderarbeiter ein Mitbestimmungsrecht bei der Entscheidung über die Verwendung der Fairtrade-Prämie haben und dass alle Arbeiter – einschließlich der Wander- und Leiharbeiter – auch das Recht haben, als Arbeitervertreter oder in das Fairtrade Prämien-Komitee gewählt zu werden.
Gleichwohl hat sich die Situation von haitianischen Wanderarbeitern bei Kleinbauernkooperativen noch nicht zufriedenstellend verändert. Ihnen bieten die Fairtrade-Standards aktuell nicht die gleichen Möglichkeiten wie ihren Kolleginnen und Kollegen, die auf Fairtrade-Plantagen angestellt sind (siehe weiter oben). Daher werden Themen wie existenzsichernde Löhne und die teilweise Barauszahlung der Fairtrade-Prämie für Wanderarbeiter Inhalte sein, die bei der aktuell stattfindenden Überarbeitung des Standards für Kleinbauernorganisationen berücksichtigt werden. Da die Standards nach den Richtlinien von ISEAL (International Social and Environmental Accreditation and Labelling Alliance) überarbeitet werden müssen, ist dies kein kurzfristiger Prozess. TransFair wird sich bei Fairtrade International dafür stark machen, die Überarbeitung zu beschleunigen. In der Zwischenzeit müssen die Fairtrade-Berater in Zusammenarbeit mit den Kooperativen an vernünftigen Zwischenlösungen arbeiten, damit sie ihre Verantwortung wahrnehmen und für die Situation sensibilisiert werden.