22. Dezember 2020

Statement zum Spiegel-Artikel „Schuld und Schokolade“ Spiegel Nr. 52, 19.12.2020

Der Artikel Schuld und Schokolade in der Spiegel-Ausgabe Nr. 52 kommt zur richtigen Zeit: kurz vor Weihnachten – die Zeit, in der Schokolade wortwörtlich in aller Munde ist. Wir begrüßen die umfassende Darstellung der Problematik, die auf verschiedene Studien verweist und Expert*innen zu Wort kommen lässt.

Kakaobauern sortieren Kakaobohnen

In dieser Realität – massiver Armut und Kinderarbeit, Entwaldung aufgrund von Überproduktion, schwankender Weltmarktpreise, ungerechter Machtverteilung sowie Wertschöpfungsketten und Zollsysteme, die die Unternehmen der Konsumentenländer begünstigen – agieren wir als Fairtrade-Bewegung. Was im Artikel gänzlich unerwähnt bleibt ist, dass sich diese Rahmenbedingungen durch die Corona-Krise noch deutlich zu verschärfen drohen.

Fairtrade ist ein lernendes System, das kontinuierlich daran arbeitet, sich zu verbessern. Dazu gehören Maßnahmen wie die zuletzt erfolgte Anhebung der Mindestpreise und der zusätzlichen Prämie um 20 Prozent, die dieses Jahr erstmalig greift. Dazu gehört das West African Cocoa Programme, mit dem wir das Beratungsangebot für Kakaokooperativen in den letzten Jahren stark ausgebaut haben. Dazu gehören Projekte wie die Women School of Leadership und das Youth-Inclusive Community-Based Monitoring and Remediation System, mit dem wir Geschlechtergerechtigkeit und ausbeuterische Kinderarbeit aktiv anpacken.

Nicht zuletzt hat Fairtrade den Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen eingeführt. Er basiert, anders als der Fairtrade-Mindestpreis, nicht auf den Kosten einer nachhaltigen Produktion, sondern umfasst Grundbedürfnisse wie angemessene Unterkunft, gute Lebensmittelversorgung, Kosten für Bildung und Rücklagen für Notfälle. Bereits vier Partner haben sich bereit erklärt, mit Fairtrade zusammenzuarbeiten, um diese existenzsichernden Einkommen zu erreichen.

Eine Fairtrade-Zertifizierung kann keine Absätze garantieren. Damit alle Produzentenorganisationen ihre komplette Ernte unter fair-Handels-Bedingungen verkaufen können, sind deutlich mehr engagierte Unternehmen gefragt. Die positive Entwicklung von fairem Kakao, beispielsweise auf dem deutschen Markt, sehen wir aber als Zeichen für ein wachsendes Bewusstsein in Wirtschaft und bei Verbraucher*innen.

Und trotzdem bleibt die Krux: Fairtrade ist positiver Entwicklungen zum Trotz zu klein, um die gesamte Kakao-Branche umzukrempeln. Was wir aber deutlich machen und in unserer Arbeit gemeinsam mit engagierten Partnern zeigen, ist: Ein anderer Handel ist möglich!

Über den Einkauf von Rohstoffen unter Fairtrade-Bedingungen hinaus, setzen sich viele Partner in Projekten für weitere Verbesserungen vor Ort ein. Darunter fallen auch Projekte, die mehr Wertschöpfung in die Anbauländer bringt: Sie sind ein wichtiger Schritt für bessere Arbeitsplätze und Armutsreduktion, den wir sehr begrüßen und auch die Arbeit von Fairafric in diesem Bereich sehr schätzen. Dafür sind starke Produzentenorganisationen eine Voraussetzung – und dazu leistet der faire Handel einen wichtigen Beitrag.

Die Branche umkrempeln heißt: die Politik muss handeln

Eine freiwillige Zertifizierung und gute Initiativen wie Fairafric allein reichen aber nicht aus, um den gesamten Sektor zu ändern. Deshalb begrüßen wir ausdrücklich die Initiative aus Ghana und der Elfenbeinküste, das Living Income Differential einzuführen. Sie ist ein richtiger Schritt, um flächendeckend die Preise zu erhöhen. Ein weiterer Schritt, den wir fordern – und mit uns eine wachsende Zahl anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen und Unternehmen – ist ein starkes und strenges Lieferkettengesetz. Dieses sollte Unternehmen in die Pflicht nehmen, auch durch deren Haftung bei Verstößen gegen menschenrechtliche Sorgfaltspflicht. Klar ist aber auch: Wir müssen über Preise reden. Denn Maßnahmen, um menschenrechtliche Sorgfaltspflicht umzusetzen, kosten Geld. Die Produzent*innen in den Anbauländern dürfen nicht mit den Pflichten allein gelassen werden. Die Maßnahmen müssen durch angemessene Preise entgolten werden.

Um existenzsichernde Einkommen zu erreichen, hat Fairtrade eine Roadmap festgelegt. Ohne Zwischenschritte werden sie nicht zu erreichen sein. Fairtrade ist das einzige Nachhaltigkeitssystem, das eine verpflichtende Prämie und einen stabilen Mindestpreis als Sicherheitsnetz gegen Preiseinbrüche setzt. Mit unserer Advocacy- und Öffentlichkeitsarbeit packen wir gemeinsam mit Unterstützter*innen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft die Aufgabe an, jenseits der Zertifizierung den Handel als Ganzes gerechter zu gestalten. Dafür brauchen wir jede*n einzelne*n – im Alltag, Beruf und beim Einkauf.