Fairtrade bekämpft Kinderarbeit

Fairtrade sieht großes Potenzial darin, die Selbstbestimmung von Produzenten zu fördern, um Kinderarbeit zu bekämpfen.

Im Juni 2013 hat Fairtrade International eine historische Entscheidung umgesetzt: Produzenten und Arbeiter wurden  in der jährlich stattfindenden „General Assembly“, dem größten Entscheidungsgremium von Fairtrade International, zu gleichberechtigten Entscheidungsträgern im Fairtrade-System . Dieser Beschluss gründet auf die Vision von Fairtrade, Produzenten immer mehr in die Lage zu versetzen, die Kontrolle über ihre eigene Zukunft zu übernehmen.
 
“Mehr Rechte bringen auch mehr Verantwortung”, sagt Marike de Peña, Leiterin der 400 Mitglieder starken Bananen-Kooperative Banelino in der Dominikanischen Republik und frisch gewählte Vorsitzende des Vorstandes von Fairtrade International.

“Ich bin zuversichtlich, dass mit diesem Modell der gemeinsamen Entscheidungsfindung die Fairtrade Organisationen noch mehr Einfluss darauf haben werden, Ungerechtigkeit, inakzeptable Arbeitsbedingungen, Armut und Diskriminierung zu bekämpfen.“

Produzentennetzwerke und Selbstverantwortung

Fairtrade International sieht die Produzentennetzwerke in den Fairtrade-Regionen „Asien und Pazifik“, „Afrika und Mittlerer Osten“ und „Lateinamerika und Karibik“ immer mehr in der Verantwortung, die Unterstützung der Produzenten vor Ort zu verstärken, um damit das Wohlergehen von Produzenten, Arbeitern, Kindern und Jugendlichen zu steigern. Die Selbstbestimmung der Produzenten ist eine wesentliche Voraussetzung für deren Weiterentwicklung.
Bisher ging die Selbstbestimmung der Produzenten vor Ort häufig nicht über die Ausführung von extern entwickelten Projekten hinaus. Bedenken über die Kompetenz der Produzentengruppen vor Ort, erfolgreiche Projekte eigenverantwortlich zu entwickeln, stellten sich einer echten Übernahme von Führung und Verantwortung in den Weg.

Eigenverantwortung als Schlüssel

Im Aufbau fairer Partnerschaften mit allen Akteuren im Fairtrade-System wurde jedoch deutlich, wie entscheidend es für die positive Wirkung von Fairtrade ist, dass Kleinbauern, Arbeiter, Mitglieder und deren Gemeinden vor Ort Führungspositionen und Verantwortung übernehmen.
Besonders offenkundig wurde dies im Prozess , die schlimmsten Formen von Kinderarbeit in Fairtrade-Produzentenorganisationen und deren Gemeinden zu vermeiden und zu beseitigen . In den letzten fünf Jahren ist deutlich geworden, dass in den  auf internationalem Recht basierenden  Standards mehr von den Produzentengruppen und deren Mitgliedern gefordert werden muss als die einfache Kenntnis der Fairtrade-Kriterien bezüglich Kinderarbeit .
Im Laufe der Jahre  zeigten die Produzenten verschiedene gegensätzliche Reaktionen, wenn es darum ging, das Vorhandensein von Kinderarbeit einzugestehen und diese zu bekämpfen. Einige übernahmen  eigenverantwortlich und engagiert Führung im Kampf gegen Kinderarbeit, andere leugneten, dass es inakzeptable Kinderarbeit in ihrem Umfeld gäbe.
Es wurde deutlich, dass die Zertifizierungsentscheidungen von Fairtrade und die Kontrolle der Einhaltung der Standards alleine nicht ausreichen, um Kinderarbeit gänzlich zu vermeiden. Vielmehr müssen die Ursachen von Kinderarbeit bekämpft werden. Das   kann jedoch nur geschehen, wenn die Gemeinden vor Ort die Prozesse steuern, die das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen sichern und damit die Verantwortung mit übernehmen.

Lokale Analysen zur Projektentwicklung basierend auf internationalem Recht

Fairtrade Produzentenorganisationen müssen die  für ihr Lebensumfeld spezifischen vorhandenen und potentiellen Risiken für das Wohlergehen der arbeitenden Kinder analysieren, und auch in diesem Bereich von ihrem Mitbestimmungsrecht Gebrauch machen. Fairtrade ermutigt Produzenten, den ersten Schritt im  Prozess zur Verbesserung der Lebensbedingungen  von Kindern und Jugendlichen im Umfeld von Fairtrade zu machen, indem sie Systeme zur Überwachung und Beseitigung von Kinderarbeit einrichten, die von der Gemeinde getragen werden und die lokale Jugend mit einbeziehen .
Diese Systeme bringen die Lebenswirklichkeit der Produzentengemeinden mit nationalen und internationalen Rechtsvorgaben in Einklang. Sie versetzen Produzenten, deren Gemeinden (einschließlich der jungen Menschen) und die Produzentennetzwerke in die Lage, inakzeptable Formen der Kinderarbeit zu identifizieren, zu beseitigen und damit den positiven Wandel selbst zu vollziehen. Basierend auf Pilotprojekten, Schulungen und Testläufen in Produzentenorganisationen in Honduras, Paraguay, Sambia und der Elfenbeinküste wird im Laufe dieses Jahres ein Leitfaden für den oben erwähnten Ansatz zur Beseitigung von Kinderarbeit veröffentlicht.

Befragung von Kindern und Jugendlichen

Fairtrade hat mit rund 500 Kindern und Jugendlichen aus Fairtrade-Produzentenorganisationen und deren Umfeld Gruppendiskussionen zum Thema Kinderrechte geführt. Durch den Einblick in die Ansichten der arbeitenden Kinder in Indien und Kenia (Tee), in der Elfenbeinküste, Kamerun und Ghana (Kakao), in Burkina Faso und Indien (Baumwolle), in Sambia, Fidschi und Paraguay (Zucker), in Honduras (Kaffee) und  in der Dominikanischen Republik (Bananen), konnte ein Verständnis für ihre Lebensumstände, für die Auswirkungen der Arbeit auf ihr Leben und das ihrer Freunde sowie deren Alternativen aus Perspektive der  Kinder und Jugendlichen , entwickelt werden. Nur fünf Kinder sehen die Arbeit in der Landwirtschaft als nachhaltige Existenzgrundlage an. Fast alle der Kinder und Jugendlichen haben nach der Schule, an Wochenenden und in den Ferien landwirtschaftliche Arbeiten durchgeführt und berichtet, dass ihnen diese Arbeiten keinen Spaß machen.
Auf die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft und wer in diesem Bereich später tätig sein wird, waren sich mehr als 70 Prozent der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen einig, dass diese Arbeit zukünftig nur von “Menschen ohne Bildung, von Migranten aus ärmeren Regionen und Ländern, von Menschen, die kein Englisch, Französisch oder Spanisch sprechen oder von ihren Großeltern oder ärmeren Verwandten“ durchgeführt werden wird. Die Einsichten, die diese jungen Menschen in ihr Leben gewährt haben, machten deutlich, dass Ausbeutung und  Missbrauch von Kindern in der Landwirtschaftlichen Produktion noch proaktiver bekämpft werden müssen.

Fairtrade vollzieht Maßnahmen

Auf diese verstörende Realität junger Menschen hat Fairtrade mit einer Strategie zum Schutz der Kinder und  einem Maßnahmenkatalog  reagiert. Diese Maßnahmen, die von den Produzenten und auch von den ganz jungen Menschen in den Produzentengemeinden gesteuert werden, bauen auf strenge Standards und Überwachungsprozesse auf, die sich sowohl bei der Entdeckung von Kinderarbeit - auch in ihren schlimmsten Formen - als wirksam erwiesen haben. Sie haben  auch dazu geführt, erfolgreich auf Hinweise auf ausbeuterische Kinderarbeit reagieren zu können. Allein in den letzten beiden Jahren ist Fairtrade nach Beratungen mit nationalen und internationalen Partnern im Bereich der Kinderrechte in Fällen von Kinderarbeit in verschiedenen Ländern rund um den Globus wirksam tätig geworden.

Miteinbeziehung der Produzentennetzwerke

Die bisherigen Maßnahmen reichen noch nicht aus. Mit der Entwicklung eigener Strategien und Maßnahmen zum Schutz von Kindern könnten die Fairtrade-Produzentennetzwerke in Zusammenarbeit mit Kinderrechtsorganisationen die Produzentengruppen vor Ort mit der Bekämpfung von Kinderarbeit beauftragen. 2013 hat Fairtrade die Produzentennetzwerke unter anderem bei der Entwicklung solcher Strategien und Maßnahmen unterstützt und damit das Wohl der Kinder in den Produzentengruppen stärker in den Fokus gerückt. In den Produzentennetzwerken in Afrika und Lateinamerika werden diese Strategien Ende 2014 umgesetzt, die Strategie für das Produzentennetzwerk in Asien ist zurzeit noch im Gespräch.
Fairtrade International wird die Unterstützung der Produzentennetzwerke weiter ausbauen. Sie sind jetzt gefordert, sich mit den Produzentengemeinden - einschließlich der arbeitenden Kinder und Jugendlichen - zu beraten und neue, über die Anforderungen der Fairtrade-Standards hinausgehende Wege für die Bekämpfung von Kinderarbeit zu finden, damit Fairtrade eine Leitfigur im Schutz von Kindern und Jugendlichen in Fairtrade-Organisationen und den dazugehörenden Gemeinden wird.

Fairtrade International sieht positiven Wandel

“Die Produzenten sitzen bei Fairtrade schon immer am Steuer. Sie haben schon immer selbst bestimmt, wie sie ihre Kooperativen organisieren, die Fairtrade-Prämie verwenden oder ihren Handel aufbauen.“, sagt Harriet Lamb, Geschäftsführerin (CEO) von Fairtrade International. „Zusätzlich dazu nehmen sie jetzt eine zentralere Rolle in der Institution Fairtrade und in ihren Kooperativen ein. Das schafft eine einzigartige, beständige und sich stetig verbessernde Plattform für Fairtrade, Kinderarbeitspraktiken nachhaltig zu verändern und die bestehenden Risiken der Gefährdung des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen erheblich zu reduzieren.”
Die neue Vorsitzende von Fairtrade International, Marike de Peña, stimmt dem zu: “Fairtrade versetzt schutzbedürftige Menschen in die Lage, ihre eigene Position und die ihrer Organisationen aus eigener Kraft zu stärken, so dass sie die individuelle und kollektive Kontrolle über ihr Leben und ihre Zukunft übernehmen können. Dank Fairtrade hinterfragen und bekämpfen Kleinbauern und Arbeiter heute Armut und Ungerechtigkeit. Sie sind die treibende Kraft für den positiven Wandel hin zu einer faireren Welt – und das ist gut so.”

Weiterführender Link:

Erfahren Sie mehr über Kinderarbeit auf der Seite von Fairtrade International