Interview

Experteninterview: Shivaprasad Shetty zu Beschwerdeverfahren

Ein wichtiger Experte im Bereich Arbeiterrechte in dem Trainingsteam für das Fairtrade-Textilprogramm ist Shivaprasad Shetty. In Textilfabriken in Indien führt er Vorab-Bewertungen durch und entscheidet über Trainingsmaßnahmen für Führungskräfte und Belegschaft. Im Interview spricht er über das für den Textilstandard wichtige Anrecht für Arbeiterinnen und Arbeiter, Beschwerden gegen ihren Arbeitgeber einreichen zu dürfen.

Audit in einer Fabrik. Foto: Didier Gentilhomme

Was ist eine solides und effektives Beschwerdeverfahren?

Ein effektives Beschwerdeverfahren ist eines, das leicht zugänglich ist und bei dem die einzelne beschwerdeführende Person keine Angst vor negativen Folgen für sich selbst haben sollte. Es sollte ein vertrauenswürdiges Verfahren sein, das transparent und fair abgewickelt wird sowie innerhalb eines angemessenen Zeitrahmens zufriedenstellende Lösungsvorschläge ergibt. Damit das Verfahren solide gestaltet ist, braucht es schriftliche Vorgänge, gut dokumentierte Beschwerden und Sachverhalte, Unterstützung externer Experten, die Option für Arbeiterinnen und Arbeiter, einen Arbeitnehmervertreter miteinzubeziehen. Wo vorhanden, rundet eine ergänzende Mitwirkung durch eine aktive und erfahrene Gewerkschaft ein gutes Beschwerdeverfahren ab.

Wie unterstützt der Fairtrade-Textilstandard Unternehmen und Beschäftigte darin, Kanäle für Beschwerden einzurichten?

Im Rahmen des Textilprogramms unterstützen Experten in Zusammenarbeit mit lokalen Interessengruppen, wie z.B. Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, für Unternehmen auf sie zugeschnittene Beschwerdeverfahren zu entwickeln und einzuführen. Dabei werden beispielsweise der kulturelle Hintergrund der Beschäftigten, der Anteil an Mitarbeitern mit Migrationshintergrund und Schwerpunktthemen bei vergangenen Beschwerden in Betracht gezogen. Beschwerdeverfahren werden auf Grundlage bestehender Gesetze, Textilstandards und Best-Practice-Erfahrungen aus der Industrie entwickelt und den lokalen Gegebenheiten angepasst. Bereits bestehende gute Verfahren werden ebenfalls integriert.

Fairtrade unterstützt bei der Einführung von Beschwerdeverfahren dabei, Unternehmensinhaber und Manager über das Anrecht auf Beschwerde aufzuklären, Trainings auf allen Ebenen durchzuführen, Testläufe zu fahren, externe Betreuer von Beschwerdeverfahren auszuwählen und bei Revisionen und Evaluationen der Geschäftsabläufe zu unterstützen.

Wie werden Arbeiterinnen und Arbeiterinnen geschützt, wenn sie Kritik äußern oder Beschwerde gegen ihren Arbeitgeber einlegen?

Ziel des Fairtrade-Textilstandards ist es, den Schutz der Beschäftigten durch interne Prozesse zu gewährleisten. Dafür werden Maßnahmen in die Betriebsabläufe integriert. Unternehmensinhaber und das Management werden intensiv geschult. Zusätzlich bietet der Textilstandard diverse Optionen, sich Hilfe von außen zu holen, sollten die Arbeiterinnen und Arbeiter feststellen, dass interne Abläufe ungerecht ablaufen.

Der Schutz von Arbeitskräften durch den Textilstandard beinhaltet folgende Punkte:

  1. Fairtrade ist mit erfahrenen Personal in den Ländern vor Ort, die einen direkten Draht zu den Arbeitskräften in den Textilfabriken haben. Als Trainer der Arbeiterinnen und Arbeiter bieten sie ihnen an, sie bei Problemen zu kontaktieren.
  2. Zusätzlich können die Angestellten von Fairtrade anerkannte externe Betreuer von Beschwerdeverfahren jederzeit mit ihrem Anliegen kontaktieren.
  3. Auch kann die Arbeiterschaft das örtliche Personal der Zertifizierungsgesellschaft, die das Unternehmen beobachtet und für Überprüfungen zuständig ist, um Hilfe bitten.
  4. Durch den Textilstandard werden darüber hinaus Beschwerde-Hotlines eingerichtet.
  5. Beschwerden und Reaktionen werden veröffentlicht. Dies soll eine abschreckende Wirkung für Arbeitgeber haben und  Verstößen vorbeugen.

 

Wie bekommen die Arbeiterinnen und Arbeiter am besten eine Rückmeldung?

Wesentliche Merkmale für gute Reaktionen für sich beschwerende Arbeitnehmer sind systematische und transparente Analysen der Beschwerden, unparteiische Entscheidungsfindungen innerhalb eines angemessenen Zeitraums und zufriedenstellende Lösungen. In regelmäßigen Abständen werten die Teams des Textilprogramms die Anwendung von Beschwerdeverfahren in einzelnen Betrieben aus, in dem sie festgelegte Leistungskennzahlen überprüfen. Daraufhin wird Unterstützung bereitgestellt, um dem Ursprung der Beschwerde auf den Grund zu gehen und Abläufe zu verbessern.

Welche Rolle spielen Fairtrade und andere Partner, wie z.B. Gewerkschaften, externe Beschwerdeführer, Nichtregierungsorganisationen?

Alle Interessengruppen sind aktiv daran beteiligt,

  • Unternehmensinhaber und Management über positive und negative Aspekte von Beschwerdeverfahren aufzuklären. So führt z.B. ein niedrigeres Frustrationslevel zu höhere Produktivität und Arbeitsqualität. Sie klären über rechtliche und wirtschaftliche Auswirkungen von Beschwerden auf das Unternehmen aus.
  • Trainings für die Beschäftigten durchzuführen, die sie in dem zweckmäßigen Umgang des Beschwerdeverfahrens schulen, um Missbrauch vorzubeugen.
  • Schulungen in Konfliktmanagement für die Teams abzuhalten, bei denen die Beschwerden ankommen.
  • Den Compliance Komitees Unterstützung anzubieten, um Betreuer von Beschwerden zu ermitteln und auszubilden.
  • Sich mit größeren Themen zu beschäftigen, die über die örtlichen Beschwerdefahren und -komitees hinausgehen.

 

Welche Rolle spielen Markenunternehmen?

Markenunternehmen können sehr gut auf den Prozess einwirken, Beschwerden der Beschäftigten zu reduzieren und effektive Beschwerdeverfahren in den Textilfabriken zu etablieren. Denn Markenunternehmen sind die direkte Verbindung zwischen Produktion und Handel.

Einige der Hauptbeschwerdegründe stehen in direktem Zusammenhang mit Geschäftspraktiken und dem Einkaufsverhalten von Markenunternehmen. So wirken z.B. langfristige Geschäftsbeziehungen mit Zulieferern befristeten Verträgen von Arbeitskräften entgegen, eine faire Bezahlung führt zu fairen Löhnen, ausreichende Vorlaufzeiten bei Bestellungen minimieren Überstunden, weil Fabriken so besser planen können.

Durch eine Analyse, wie sich ihr eigenes Handeln auf Zulieferer und Arbeitnehmer auswirkt, können Markenunternehmen einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Textilfabriken leisten. Sie können ihre Prozesse auf faire Geschäftsabläufe umstellen. Nur so werden negative Auswirkungen auf die Beschäftigten reduziert und Zulieferunternehmen darin unterstützt, ein besseres Arbeitsklima herzustellen.