Interview mit Dr. Rossitza Krüger

Textilmanagerin bei Fairtrade International

Der Textilstandard wurde vor rund einem Jahr veröffentlicht, warum müssen Verbraucher so lange auf ein gesiegeltes Textilprodukt warten, ist die Situation vor Ort so schlecht?

Dr. Rossitza Krüger, Textilmanagerin bei Fairtrade International
Dr. Rossitza Krüger, Textilmanagerin bei Fairtrade International

Der Fairtrade-Textilstandard deckt sämtliche Bereiche von Arbeitsrechten und Umweltschutz sehr umfassend ab, Lieferanten können sich jedoch aufgrund mangelnder Ressourcen häufig zunächst nur auf bestimmte Aspekte konzentrieren. Wir honorieren jeden Schritt in die richtige Richtung. In einigen Ländern ist die Zahlung von mehr als den gesetzlichen Mindestlöhnen ein riesen Schritt für die Lieferanten. Sie verpflichten sich damit zu einem ganz neuen Geschäftsmodell und treten erstmalig als soziale Arbeitgeber auf. Das hebt sie stark von ihrem Umfeld ab: Andere Unternehmen fokussieren sich bei jedem Auftrag auf Lieferbedingungen, Qualitätsansprüche und Preisdruck. Bei den meisten Betrieben sind die zeitlichen, finanziellen und personellen Kapazitäten für neue Investitionen schlichtweg nicht gegeben. Darum bemühen wir uns, gemeinsam mit der Geschäftsleitung und auch den Arbeiterinnen und Arbeitern, die Werte von Fairtrade so weit umzusetzen, wie es die Geschäftslage des Betriebs zu diesem Zeitpunkt realistisch zulässt.

Wo sehen Sie weiterhin die größten Herausforderungen bei der Umsetzung des Standards?

Um das Handeln und die Strukturen wirklich verändern zu können, ist ein langfristiges Engagement aller Beteiligten erforderlich. Jeder einzelne Akteur, einschließlich Fairtrade, muss selbst Verantwortung übernehmen, um Nachhaltigkeit zu etablieren. Gleichzeitig müssen sich alle im Klaren darüber sein, dass es keine einfache Lösung für grundlegende Veränderungen gibt. Es dauert einige Zeit und es braucht vor allem eine gute Zusammenarbeit. Dazu gehört natürlich die menschliche Komponente, dazu gehören aber auch harte Fakten wie das Gehaltsniveau, soziale Sicherheit, die Regelung von Überstunden und die Vermeidung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten, die für jede Industrie, nicht nur die Textilbranche, typisch sind. Die Frage darf nicht nur sein, ob oder wann solche Standards in Angriff genommen werden, vielmehr ist es die Pflicht von Textilverarbeitern und Handelsmarken, diesen Weg zu gehen und Verbesserungen herbeizuführen. Das Maß des Engagements variiert dann nur in Bezug auf das jeweilige Profil als nachhaltiges Unternehmen.

Ist Ihr Team vor Ort gut gerüstet? Wo müssen Sie sich eventuell noch weiterentwickeln?

Ja, wir haben erfahrene Trainerinnen und Trainer vor Ort. Schon im Rahmen des Fairtrade-Standards für lohnabhängige Beschäftigte (Standard for Hired Labour, HLS) arbeiten sie seit mehr als zehn Jahren mit Arbeitnehmern zusammen und gehen dabei immer gendersensibel vor. Raju Ganapathi, vom indischen Produzentennetzwerk NAPP (Network of Asia and Pacific Producers), organisiert unter anderem Trainings zu Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltmanagement. Die Fabriken stehen in ihrer Entwicklung alle an ganz unterschiedlichen Punkten, deshalb ist es wichtig, die Schulungen individuell auf den jeweiligen Betrieb abzustimmen und auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen. Genau dafür wurde das Fairtrade-Textilprogramm konzipiert, denn von dem Programm können auch Fabriken profitieren, die noch nicht den Kriterien für den Fairtrade-Textilstandard entsprechen. So können durch Schulungen anfangs auch punktuell wesentliche Verbesserungen erzielt werden, beispielsweise im Umgang mit Gefahren oder hinsichtlich einer akzeptablen Arbeitsbelastung.

Welche Bedeutung hat das Textilprogramm? 

Für den Fairtrade-Textilstandard ist das zugehörige Textilprogramm ganz entscheidend, weil es Unternehmen in verschiedenen Phasen ermöglicht, schrittweise auf die Anforderungen der Käufer zu reagieren, und zwar möglichst nachhaltig. Einerseits können sie ihre vorhandenen Ressourcen einsetzen und andererseits externes Wissen nutzen. Unsere Zertifizierungen sind kein Symbol für Kompetenz, sondern eine echte Verpflichtung zu sozialen Werten, die sich in der Unternehmensphilosophie der Betriebe verankern – wenn auch Schritt für Schritt. Uns ist primär daran gelegen, diese Entwicklung zu initiieren oder zu fördern, und das funktioniert nicht ad hoc, sondern nur in einer nachhaltigen Art und Weise.

Warum ist es für Fairtrade so wichtig, Kooperationen wie beispielsweise mit der Fair Wear Foundation einzugehen?

Die Fair Wear Foundation hat unseren Weg in den letzten sechs Jahren enorm unterstützt, indem sie wertvolles Know-how eingebracht und sich auch selbst permanent weiterentwickelt hat. Durch ihre Verwaltungsstrukturen sind beide Organisationen, sowohl Fairtrade als auch die Fair Wear Foundation, Multistakeholder-Initiativen. Beide teilen die gleichen Werte und haben das gleiche Verständnis von Arbeitsrechten und den spezifischen Herausforderungen in bestimmten Ländern. Wir von Fairtrade erkennen das gute System der Fair Wear Foundation an, in dem die Markenunternehmen als Mitglieder aktiv eingebunden sind und Verantwortung für  ihre Lieferanten übernehmen müssen. Für dieses Jahr planen wir gemeinsam die Anerkennung von Audits, da wir die Fachkompetenz der Fair Wear Foundation in allen Ländern, in denen sie vertreten sind, sehr schätzen.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wann denken Sie können wir mit der ersten komplett zertifizierten Lieferkette rechnen?

Unser nächstes Ziel ist es, zunächst ein vertikal integriertes Unternehmen zu finden, das mit uns die nächste Kollektion einer Marke unter dem Siegel „Fairtrade Textile Production “ umsetzt. Wir haben bereits alle Rahmenbedingungen geschaffen, um auf den Markt zu gehen. Ich stelle mir die Frage, ob Asien oder Afrika nicht bald in Sachen nachhaltiger Kleidung Marktführer sein werden, da ihre Wirtschaftssysteme schnell wachsen und sich die lokale Industrie zunehmend durchsetzt.