Interview mit Agnes Chebii

„Die Gewissheit, dass wir wichtig sind“

Vor über 20 Jahren startete Agnes Chebii als Arbeiterin auf einer Rosenfarm in ihr Berufsleben. Mittlerweile leitet die 42-jährige Mutter von vier Kindern ein Team von 30 Arbeiterinnen und Arbeitern und ist Vorsitzende des Gender-Komitees der Fairtrade-zertifizierten Blumenfarm Karen Roses in Kenia. Im Interview berichtet Agnes Chebii, wie die Covid-19-Pandemie das Leben und Arbeiten der Farmangestellten verändert und wie Fairtrade dabei zum Tragen kommt.

Agnes, wie hat Covid-19 die Situation bei Karen Roses im Jahr 2020 verändert? Was waren die größten Herausforderungen für die Organisation und die Mitarbeitenden?

Die schwierigste Frage für die Organisation war: Wie kann der Betrieb angesichts des Risikos weiterlaufen, dass sich die Angestellten mit dem Virus anstecken und das Unternehmen eventuell geschlossen werden muss. Anfang März bis Mitte April fielen die Flüge aus, die die Blumen ins Ausland transportieren. Das führte zum Einbruch der Verkäufe, die Einnahmen blieben aus – aber das Unternehmen musste trotzdem das Personal bezahlen und den Betrieb aufrechterhalten. Das war sehr schwierig.

Das größte Problem für die Arbeiterinnen und Arbeiter dagegen bestand darin, mit niedrigeren Löhnen zurechtzukommen, da die Arbeitszeiten von April bis August wegen der Umsatzeinbußen reduziert werden mussten.

Und was hat Karen Roses unternommen, um die Belegschaft in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen? Konnte auch Fairtrade etwas dazu beitragen?

Zunächst einmal stellte Karen Roses sicher, dass niemand durch die Pandemie den Arbeitsplatz verlor, was sicherlich die wichtigste Maßnahme war. Die Arbeitsplätze wurden so umgestaltet, dass die Abstandsregeln eingehalten werden konnten. Fairtrade hat uns mit Geldern aus dem eigens aufgelegten Covid-19-Hilfsfonds unterstützt. Mit den zur Verfügung gestellten Mitteln konnten kontaktlose Handwaschstationen und Fieberthermometer bereitgestellt werden. Außerdem wurden für alle Arbeiter*innen Grundnahrungsmittel wie Reis, Maismehl und Öl sowie Seife und Gesichtsmasken angeschafft und – was uns besonders gefreut hat – ein zwei Hektar großer Gemüsegarten für die Belegschaft angelegt.

Hat sich die Situation bei Karen Roses im Laufe der Zeit verbessert und wie ist die Situation jetzt?

Anfangs gab es bei der Belegschaft viel Angst vor Covid-19 und irreführende Informationen machten die Runde. Aber mit zunehmender Aufklärung über die Krankheit wandelte sich die Angst in das Vertrauen, dass wir die Pandemie zusammen überwinden werden.

Die Schutzmaßnahmen im Betrieb, der Einsatz von TV, Radio und sozialen Medien, um uns als Belegschaft aber auch die umliegenden Gemeinden über die Krankheit und Schutzmaßnahmen zu informieren – all das gab uns Gewissheit, dass wir Arbeitnehmer und unsere Familien wichtig sind und wir bestmöglich geschützt werden sollen. Die Situation ist jetzt ruhig, die Farm hat den vollen Betrieb ab September 2020 wieder aufgenommen. Alle Arbeiterinnen und Arbeiter sind gesund und wir danken Gott dafür.

Aus Ihrer Sicht als Vorsitzende des Gender-Komitees: Sind weibliche Mitarbeiter stärker von der Covid-19-Krise betroffen als ihre männlichen Kollegen?

Ja, das ist so. Einige Kolleginnen sind alleinerziehende Mütter. Da die Schulen von März bis Dezember geschlossen waren und die Frauen sich hauptsächlich um das Haus und die Kinder kümmerten, war es sehr schwer für sie, Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen.

Die Frauen hatten zum Teil große Schwierigkeiten, ihre Familien mit Lebensmitteln zu versorgen. Wegen der strengen Sperrstunden konnten sie nach der Arbeit nicht mehr Einkaufen oder in den eigenen Gemüsegarten gehen und die reduzierten Arbeitszeiten wirkten sich auf das Einkommen der Frauen und damit auch auf die Ernährung der Familie aus. 

Gab es auch überraschende oder aufbauende Momente in Ihrer Arbeit? 

Wir haben schnell gelernt, digitale Medien für Besprechungen zu nutzen – das hat sehr gut geklappt. Die Kolleginnen und Kollegen mit Familie hatten durch die reduzierten Arbeitszeiten und Ausgangssperren mehr Zeit, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und auch den verpassten Schulstoff mit ihnen zu Hause nachzuholen.

Berührt hat uns alle das Engagement von Karen Roses und auch die Unterstützung durch Fairtrade. Es gibt uns das Gefühl, dass wir nicht allein gelassen werden, sich unser Arbeitgeber um uns kümmert und wir fair behandelt werden. Wir erhalten weiterhin die Fairtrade-Prämie, die uns zum Beispiel zur Wiederöffnung der Schulen bei der Bezahlung der Schulgebühren unterstützt hat. Darum ist es auch so wichtig für uns, dass noch mehr Fairtrade-Rosen in Ländern wie Deutschland gekauft werden.