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Interview mit FLO-CERT Inspekteuren

Nyagoy aus Kenia
Nyagoy Nyong'Oaus Kenia ist seit 2005 als Inspektorin für FLO-CERT tätig. Davor arbeitete sie zwei Jahre als Inspektorin für Max Havelaar Schweiz in Ostafrika. Sie hat einen Doktortitel in "Forest Tree Improvement" und Genetik, arbeitete in der Projektplanung und -auswertung für verschiedene NGO’s in Tansania, Kenia und im Südsudan. Sie ist verheiratet und stolze Mutter von drei Kindern.
TransFair: Wann haben Sie zum ersten Mal vom Fairen Handel gehört und was bewegte Sie dazu Inspekteurin zu werden?
Nyagoy: Ich habe ganz zufällig vom Fairen Handel erfahren. Max Havelaar war im Jahre 2002 in Kenia auf der Suche nach einem Inspektor. Nach einem Treffen mit Mitarbeitern von Max Havelaar in dem sie mir die positiven Effekte des Fairen Handels für die Kleinbauern und Arbeiter beschrieben, begann ich mich für den Job zu interessieren, auch weil ich schon immer mit Entwicklungsorganisationen zusammengearbeitet habe. Ich dachte mir: "Toll, die Kleinbauern verkaufen ihre Produkte und bekommen zusätzlich Hilfestellung für ihre soziale und wirtschaftliche Entwicklung." Fairtrade ist eine hervorragende Sache, um sich zu engagieren.
TransFair: Wie würden Sie in groben Worten erklären, wie Ihre Arbeit aussieht?
Nyagoy: Meine Arbeit beinhaltet hauptsächlich zwei Dinge: erstens ich habe von FLO-CERT den Auftrag, diejenigen, die dem Fairtrade-System beitreten wollen, über eine mögliche Zertifizierung zu informieren. Dafür spreche ich mit dem Management der Plantage oder Kooperative, schaue, welche Strukturen auf dieser Ebene vorhanden sind und wie das Verhältnis zu den Arbeitern oder Kleinbauern ist. Und natürlich spreche ich mit allen Beteiligten über die Fairtrade-Standards und bekomme ein Gefühl dafür, wie die Standards umgesetzt werden können. Auf der anderen Seite gibt es dann natürlich auch die "Physische Inspektion" bei der ich, um es einmal einfach auszudrücken, weniger meinen Mund als hauptsächlich meine Augen benutze. Dabei geht es mir dann auch um Gesundheits- und Sicherheitsaspekte. Die Fairtrade-Standards benutze ich bei der Inspektion als Referenzdokument, auf deren Grundlage ich meine Bewertung an FLO-CERT weitergebe.
TransFair: Wie viele Plantagen oder Kooperativen besuchen Sie im Jahr?
Nyagoy: Meine Arbeit führt mich nach Kenia, Tansania und Uganda. Bisher habe ich noch nicht so viele Kooperativen besucht. Meistens bin ich auf Blumen- und Teeplantagen unterwegs.
TransFair: Was sind die ersten Schritte die Sie unternehmen, um die Inspektion ins Rollen zu bringen. Wie lange bleiben Sie vor Ort?
Nyagoy: Ich bleibe in der Regel zwischen dreieinhalb und sechs Tagen. In den Kooperativen ist der von den Kleinbauern gewählte Manager derjenige, mit dem ich zuerst spreche. Er stellt mich dann dem von der Kooperative gewählten Vorstand vor. Am ersten Tag versuche ich also, einen ersten Überblick darüber zu bekommen, wie die Kooperative organisiert ist. Danach gehe ich dann ohne Begleitung zu den Bauern, damit sie nicht vielleicht durch die Anwesenheit eines Managers gehemmt sind, das zu sagen, was sie eigentlich sagen möchten. Ich nehme auch keine Namen der Bauern auf, damit sie sich wirklich unbesorgt und ganz frei äußern können.
TransFair: Wie sieht denn das emotionale Klima zwischen Ihnen als Inspektorin und den Arbeitern aus? Ist das in der Regel entspannt oder spüren Sie auch manchmal Feindseligkeit?
Nyagoy: Das ist wirklich von Plantage zu Plantage unterschiedlich. Es gibt viele Produzenten, die den Nutzen von Fairtrade sehen und sehr gerne dem System beitreten wollen. Diese Menschen sind sehr freundlich und aufgeschlossen und zeigen sogar freiwillig ihre eigenen Schwächen in der Organisation auf, da sie meinen Besuch als Hilfestellung verstehen. Diejenigen, die nicht so aufgeschlossen sind, sind in der Regel die Personen, die das Fairtrade-Konzept noch nicht vollständig verstanden haben. Diese Leute versuchen mit ihren Antworten lediglich "die richtigen Antworten auf den Fairtrade-Test" zu geben, das heißt sie biegen die Wahrheit so hin, dass sie "den Test bestehen". Aber das bekommst du relativ schnell heraus, wenn du dir die Dokumente der Plantage oder Kooperative anschaust. Aber das ist wirklich die Ausnahme. Die meisten Arbeiter und Bauern sind sehr kooperativ.

TransFair: Da wir bei diesem Thema sind: denken Sie, es macht einen Unterschied, dass Sie als weiblicher Inspektor unterwegs sind? Spüren Sie manchmal mangelnden Respekt?
Nyagoy: Heute nicht mehr. Als ich begann als Inspektorin zu arbeiten war es aber schon ein Problem. Manchmal bist du in eine Inspektion gegangen und du hast sofort gespürt, was die Arbeiter gedacht haben: "Was will uns denn die Frau da erzählen? Der hören wir gar nicht erst zu." Sie versuchten, dir gegenüber sehr bestimmend zu sein. Heute aber weiß ich, wie ich die Situation in den Griff bekomme. Ich bin selber sehr selbstbewusst und sage: "Meine Herren, ich bin hier, um meinen Job zu machen. Können wir also nun bitte zum Thema kommen." Mit der Zeit respektieren sie dich dann auch. Aber das Hauptproblem ist nicht allein das "Frau-sein". Besonders bei den Blumenplantagen sind die meisten der Geschäftsführer männlich und weiß. Und da hinein spazierst du dann als schwarze Frau! (lacht).
TransFair: Es ist also wirklich ein Problem für diese Männer, obwohl sie bereit sind, sich dem Fairtrade-System anzuschließen? Schließlich werden bei Fairtrade auch Aspekte wie Frauenförderung oder Stärkung der Arbeiter besonders hervorgehoben.
Nyagoy: Oh ja! Diese Leute setzen sich hin und versuchen dir zu erzählen, was du zu tun hast und was du sie besser nicht fragen solltest. Aber innerhalb von ein paar Minuten bekomme ich sie meist in den Griff und sage: "Sehen Sie, ich möchte hier nur meine Arbeit machen. Ich bin nicht hier um Sie zu dominieren."
TransFair: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten FLO-CERT Inspektor aus?
Nyagoy: Nun, daneben, dass du das nötige Fachwissen hast, solltest du sehr selbstbewusst und durchsetzungsstark sein. Du musst zwar streng, aber nicht oberlehrerhaft sein. In den Gesprächen solltest du als Berater auftreten, aber gleichzeitig das Thema nicht aus dem Ruder laufen lassen und im richtigen Moment sagen können: "Okay, jetzt gehen wir wieder zurück zum Thema." Viele der Menschen, mit denen du zu tun hast sind schon ziemlich bestimmend und wollen dich als Frau auf deinen traditionellen Platz verweisen.
TransFair: Können Sie uns von einer Erfolgsgeschichte berichten, die Sie persönlich besonders glücklich oder stolz gemacht hat?
Nyagoy: Es gibt in meiner Arbeit drei Szenarien, die mich generell glücklich machen: das erste ist, wenn ich Plantagen oder Kooperativen nach einem Jahr wieder besuche und mir das Management berichtet, wie sehr Fairtrade Ihnen geholfen hat ihre Arbeit besser zu machen. Und wie wichtig die Dinge für sie geworden sind, denen sie zunächst ablehnend gegenüber standen, wie zum Beispiel einen Jahresplan aufzustellen oder ähnliches. Mich freut es einfach, wenn ich von der Management-Ebene höre, wie sich das Teamwork, bestimmte Arbeitsvorgänge und das Betriebsklima durch die Inspektion verbessert hat.
Die zweite Sache, die mich glücklich macht, ist die Stärkung der Arbeiter. Bei deinem ersten Besuch sind sie zumeist sehr schüchtern, stehen dem Management eher ängstlich gegenüber und trauen sich nicht, offen über ihre Belange zu sprechen. Letztes Jahr besuchte ich eine Blumenplantage auf der ich schon oft auf Inspektion war. Ein Arbeiter nahm mich beiseite und sagte: "Weißt du was, Nyagoy, wenn du damals nicht gekommen wärst, würde ich heute nicht mit dem Management zusammen sitzen und mit ihnen diskutieren, was zu tun ist." Denn heute lädt ihn die Führungsebene zu Gesprächen ein und er hat so die Möglichkeit, wichtige Dinge seitens der Arbeiter beizutragen. Das ist ein Beispiel dafür, wie durch Fairtrade die Arbeiter gestärkt werden, sie ein größeres Selbstbewusstsein und ein Gefühl dafür bekommen, dass auch sie etwas zum Erfolg beisteuern können.
Das dritte Szenario, das mich stolz und glücklich macht, ist der Erfolg der Fairtrade-Projekte. Hierzu ein kleines Beispiel: Im letzten Jahr besuchte ich eine Fairtrade-Kooperative, die soeben eine weiterführende Schule aufgebaut hatte. Sie waren sehr glücklich darüber und erzählten mir: "Ohne die Fairtrade-Prämie hätten wir jetzt keine weiterführende Schule hier. Da die nächste öffentliche Schule 30 km weit entfernt liegt, hätten unsere Kinder keine weitere Schulbildung erhalten, einmal abgesehen davon, dass wir die Schulgebühren nicht hätten bezahlen können. Aber jetzt haben wir eine weiterführende Schule direkt vor unserer Haustür." Das macht mich stolz auf das, was ich tue!
TransFair: Was möchten Sie mit nach Hause nehmen vom diesjährigen Inspektoren-Treffen?
Nyagoy: Das ganze Fairtrade-System ist so dynamisch, dass es ständig Änderungen gibt, um den Gegebenheiten auf den Plantagen und in den Kooperativen noch gerechter zu werden. Also gehe ich nach diesem Training mit dem Wissen nach Hause, wie ich meine Arbeit in Zukunft noch besser machen kann.


